Interview mit Andreas Jäger

Andreas Jäger wurde als Ö3-Wetterstimme österreichweit bekannt. Als „Wettermann“ war er im ORF und bei ATV tätig, war 1999 Mitautor des Buches „Das Wetterjahr in Österreich“ und moderierte 2005 das Wissenschaftsmagazin UNIVERSUM Azorenhoch und Islandtief“. Heute arbeitet er als Medienbetreuer bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien.
KlimaFit hat den Wetter- und Klimaexperten um seine fachliche Meinung zum Klimawandel gebeten.
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KlimaFit: Andreas, du hast Meteorologie studiert. Hast du dich schon als Kind dafür begeistert oder kam das Interesse für Wetter und Klima erst später? Was war das Faszinierende daran?
Andreas: Ich habe als Schüler zwar nie die Idee gehabt, dass man so was überhaupt studieren kann. Mein Interesse am Studium kam erst später. Geweckt wurde es aber sicher schon durch meinen extrem guten Geographie-Lehrer in der Hauptschule. Er erklärte uns schon sehr spannend wie der Fönwind funktioniert oder das Land-See-Windsystem, das bei uns am Bodensee herrscht.
Auch für Physik habe ich mich immer interessiert und so kam ich dann schließlich zur Meteorologie. Einige Kollegen von mir wurden allerdings durch irgendein Wetter-Extremereignis „getauft“, das sie so faszinierte, dass sie sich der Meteorologie verschrieben haben.

KlimaFit: Du hast bei Ö3, ORF-Fernsehen und ATV gearbeitet. Was ist deine momentane Aufgabe bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (kurz ZAMG) in Wien?
Andreas:
Bei der ZAMG mache ich die Medienbetreuung. Das bedeutet, ich versuche das Bild meiner Firma korrekt darzustellen, sodass deren positives Image richtig vermittelt wird. Auf der Universität Innsbruck war ich früher auch als Vertragsassistent in der Forschung, bevor ich zum ORF kam.

KlimaFit: Wetter kann man ja schon sehr gut für die nächsten Tage prognostizieren. Viele Modelle versuchen auch das Klima der nächsten 50-100 Jahre vorherzusagen. Da gibt es dann - offenbar je nach momentanem wissenschaftlichen Zeitgeist - Schwankungen von +2°C bis +6°C bin ins Jahr 2100. Für wie seriös hältst du diese Prognosen?
Andreas: Diese Schwankungen sind natürlich enorm und es hat gravierende Auswirkungen, ob es um 2°C oder um 6°C wärmer wird. Die Prognosen halte ich aber für sehr seriös. Die großen Schwankungen zeigen einfach, dass wir immer noch zu wenig über das Klima wissen.
Ich bin bereits Ende der 1980er-Jahre im Studium auf die ersten Klimaberechnungen gestoßen. Die Rechnerleistungen der besten Computer entsprachen damals allerdings nicht einmal jenen von heutigen wirklich sehr schlechten PC´s. Auch wurden damals Atmosphäre und Ozeane noch nicht gekoppelt betrachtet.
Erst später wurde in die Klimaforschung mehr Geld rein gesteckt. Die Leistungen der heutigen Klimamodell-Rechner sind natürlich absolut enorm. Eine Sache ist aber entscheidend: Von den aller ersten Klimamodellen bis zu den heutigen wurde niemals eine Atmosphärenabkühlung bei Erhöhung von CO2 errechnet, sondern immer eine Erwärmung.
Was ich bei den Modellen aber bedenklich finde, ist die zu geringe Einbeziehung der Erdbevölkerung, die ich für das viel größere Problem halte. Die Modelle rechnen meist mit einer Erdbevölkerung von rund 9 Milliarden Menschen (bis ins Jahr 2050, Anm. d. Red.). Diese Prognose ist aber eher das Minimum der Berechnung, d.h. wenn der Maximalwert für Klimamodelle verwendet werden würde, würde die Erwärmung noch stärker ausfallen. Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern, in der ich lernte, dass es 3,5 Milliarden Menschen auf der Erde gibt, bald darauf hörte ich schon 4 Milliarden. Jetzt stehen wir bei 6,7 Milliarden, ein Wahnsinn, was da innerhalb eines Lebens passiert.

KlimaFit: Gibt es zur Zeit einen Klimawandel, der in der Erdgeschichte etwas Einzigartiges hat oder läuft das noch alles im normalen Schwankungsbereich?
Andreas: Ja, das Einzigartige ist eben, dass die Erwärmung von uns kommt. Natürlich unterliegt das Klima gewissen natürlichen Zyklen, die Klimaänderungen wie etwa Eiszeiten bewirken. Erdbahnelemente ändern sich, die Solarkonstante der Sonne auch und das hat Einflüsse auf unsere Klima. Auch Vulkane spielen hier mit. So brach z.B. 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien aus. (Anm. d. Red.: Es war damals die größte Vulkanexplosion seit rund 25.000 Jahren). Das durch die Eruption ausgeworfene Material bewirkte globale Klimaveränderungen, die aufgrund der Auswirkungen auf das nordamerikanische und europäische Wetter dem Jahr 1816 die Bezeichnung „Jahr ohne Sommer“ einbrachten.
Bei der Solarkonstante konnte in der 1.Hälfte des 20. Jahrhunderts noch eine Steigerung erkannt werden, seit den 50/60ern blieb sie aber stabil. D.h. die Erwärmung danach kann nur uns zuzuschreiben sein und das ist das Einzigartige beim momentanen Klimawandel.

KlimaFit: Zyklon Nargis in Burma, angebliche Hurrikan-Häufungen in den USA, Stürme Kyrill, Paula und Emma bei uns,... Sind diese und andere Ereignisse bereits Folgen des Klimawandels? Laut einer ZAMG-Statistik haben nämlich Stürme in Mitteleuropa seit 1920 zwar wieder zugenommen, erreichten aber schon um 1900 eine Häufigkeiten über der heutigen.
Andreas: Im IPCC-Report („Intergovernmental Panel on Climate Change“ der Vereinten Nationen, Anm. d. Red.), der Klimaänderungen am seriösesten behandelt, ist in Europa tatsächlich keine Zunahme an Stürmen zu erwarten, im Alpenraum sogar eher das Gegenteil. Prinzipiell sind sogar in kälteren Zeitabschnitten der Vergangenheit die Schwankungen viel stärker gewesen als in wärmeren.

KlimaFit: Immer noch gibt es Stimmen, die die Schwerpunktsetzung auf den Klimawandel als reine Geschäftemacherei und unseriöse Panikmache abtun. Sogar eine - zwar viel kritisierte - Doku „The Great Global Warming Swindle“ (Regie: Martin Durkin) wurde zu dem Thema produziert. Kannst du diesen Strömungen etwas abgewinnen?
Andreas:  
Im Internet findet man heutzutage tatsächlich immer noch unglaublich viel Unsinn von Leuten, die sich der Realität verweigern. Da wird teils sogar einfach behauptet, CO2 würde nicht als Treibhausgas wirken. Natürlich wird es auch Gewinner des Klimawandels geben, z.B. werden heute in Kanada im großen Stil vorerst noch unbrauchbare Grundstücke gekauft, da man damit spekuliert, dass diese im Zuge der Erwärmung einmal fruchtbares Ackerland sein werden. Auch die Situation in Russland wird sich teils wahrscheinlich verbessern, wenn es wärmer wird. D.h. man kann auch die Chancen betrachten, die sich uns bieten.

Klimafit: Globale Szenarien des Klimawandels gibt es ja viele (Stichwort Meeresspiegelanstieg, Eisbärensterben, Dürren,...). Wie sieht es aber bei uns aus? Wird es auch innerhalb Österreichs in den nächsten 50-100 Jahren nachteilige Auswirkungen geben oder sitzen wir auf der viel zitierten Insel der Seeligen?
Andreas: Heute ist natürlich die Klimafolgenforschung voll am Zug, die also schon die Folgen der prognostizierten Erwärmung behandelt. Große Katastrophen sind hier bei uns sicher nicht zu erwarten, trotzdem muss man die Situation ernst nehmen und sich dementsprechend anpassen. Ein Beispiel sind unsere Wälder, die zu einem großen Teil aus Fichten-Monokulturen bestehen. Die Fichte reagiert empfindlich auf Trockenheit und Hitze und kann dann absterben, was sich natürlich auf unsere Schutzwälder, die vor Lawinen, Muren und Erosion schützen, negativ auswirkt.

Klimafit: Der Verkehr trägt viel zum globalen CO2-Ausstoß bei. Auch bei uns werden schon viele SchülerInnen täglich mit dem Auto zur Schule geführt und wieder abgeholt. Mit welchen Verkehrsmitteln hast du deinen Schulweg zurück gelegt? Konntest du dabei selbstständig unterwegs sein oder haben dich deine Eltern begleitet?
Andreas: In die Volksschule bin ich immer zu Fuß gegangen. In die Hauptschule und ins Gymnasium hat mich der Bus geführt, nach Hause musste ich aber immer zu Fuß. Das war ein 3 Kilometer langer Weg den Berg hinauf. Mit dem Auto bin ich in all den Jahren überhaupt nie in die Schule geführt worden, das war absolut undenkbar.
In gewisser Weise bin ich ja fast glücklich über den momentan so hohen Preis für Benzin und Diesel, denn das sehe ich als Chance, dass endlich in großem Stil in andere Energieformen investiert wird und diese nicht nur von einigen alternativen Betrieben entwickelt werden. Nur so kann man vom Öl unabhängiger werden.

KlimaFit: Zu Fuß in die Schule zu gehen ist heute auch tatsächlich schon schwieriger. Alte Pfade, Abkürzungen und Schleichwege gibt es kaum noch und so sind Kinder oft dazu gezwungen der Straße entlang zu gehen? Wie war das in deiner Schulzeit? Gab es da solche Wege durch Wald/Wiesen/Hinterhöfe? 
Andreas: Ja solche Wege gab es schon.

KlimaFit: Kannst du dich an eine lustige Situation oder Episode erinnern, die du am Schulweg erlebt haben?
Andreas: Erinnern kann ich mich v.a. an den Heimweg. Wir waren dabei meist ca. 10 Schüler und das war ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Ich weiß noch, dass drei Mädels immer voraus gegangen sind. Damals haben wir mit denen noch mehr geblödelt als sonst was und hatten die typischen Aversionen gegeneinander, die man in diesem Alter eben noch hat.
Das Lustigste war aber eine Geschichte, die ich heute immer noch vor Augen habe: Beim Heimgehen gingen drei Freunde vor uns her. Da kam noch einer zu uns dazu und sagte „Passt auf, jetzt gebe ich denen da vorne gleichzeitig einen Arschtritt“. Er lief also vor und versuchte mit beiden Beinen gleichzeitig je einen Hintern der beiden zu erwischen. Offenbar hatte er die Gesetze der Physik vergessen und er landete voll auf seinem eigenen Hintern anstatt die beiden zu treffen. Das komische Bild wie das ausgesehen hat werde ich nie vergessen.

KlimaFit: Versuchst du auch privat energie- und CO2-sparende Maßnahmen einzuhalten (Energiesparlampen, nie ohne Deckel kochen, richtig Lüften, Standby-Modus vermeiden,...) oder glaubst du, dass diese nur Tropfen auf den heißen Stein sind (etwa angesichts der explodierenden Industrialisierung und Motorisierung in China und Indien)?
Andreas: Ganz im Gegenteil, ich glaube, das ist ein gewaltiges Potential, das wir hier haben und ich kann auch selber ein Beispiel nennen: Bei meiner Stromrechnung von 2007 habe ich mich zuerst geschreckt, dass ich 147 Euro nachzahlen musste. Dann habe ich erst gesehen, dass das eine Gutschrift war, die ich zurück bekam. Der Grund war, dass ich im Jahr zuvor meinen alten Kühlschrank gegen einen neuen der Energieklasse A+ eingetauscht habe. (Es gibt die Klassen A bis G, Klasse A spart am meisten Energie – Anm. d. Red.). Obwohl der Strompreis gestiegen ist, hat sich das bezahlt gemacht. Beim Energiesparen bin ich äußerst konsequent. Ich verwende Steckdosenleisten, die ich ausschalten kann, sodass die Geräte nicht auf Standby-Modus laufen, verwende oft den Wasserkocher statt der Herdplatte, usw. Man glaubt gar nicht wie riesig die Möglichkeit zum Einsparen hier ist.

KlimaFit: Wie glaubst du kann man bei Erwachsenen aber v.a. bei Kindern Resignation angesichts so großer globaler Klimasünder verhindern. Immerhin kann nicht einmal Österreich die Kyoto-Ziele einhalten.
Andreas: Die Arbeit, die ihr mit Schülerinnen und Schülern macht, ist sehr wertvoll. Ich weiß das noch von früheren Umwelt-Themen, z.B. von Zwentendorf. (Anm. d. Red.: In Zwentendorf steht das einzige fertiggestellte Atomkraftwerk in Österreich, das aber nach einer Volksabstimmung 1978 nie in Betrieb genommen wurde). Wir hatten damals einen Deutsch- und Geschichtelehrer, der dafür sorgte, dass wir alle unsere Eltern dazu brachten, gegen das Atomkraftwerk zu stimmen. Schülerinnen und Schüler sind hier ganz wichtige Multiplikatoren, um wichtige Themen in die Familien zu bringen und sollten deshalb nicht unterschätzt werden.

DANKE für das Interview!
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Das Interview als PDF gibt´s bei den Downloads rechts.

Weblink:
www.andreasjaeger.at