Aliens im Anmarsch?

Vielleicht habt ihr ja schon irgendwo gelesen, dass im Zuge des Klimawandels Tier- und Pflanzenarten zu uns kommen könnten, denen es in der Steiermark bisher zu kalt war.
Arten, die bei uns eigentlich nicht heimisch sind, aber aus anderen Regionen oder Ländern einwandern oder auch eingeschleppt wurden, nennt man “Neobiota”. Oft werden sie wegen ihrer fremdländischen Herkunft auch als „Aliens“ bezeichnet. Um herauszufinden, ob die Steiermark von diesen Aliens vielleicht bedroht ist und was wirklich dahinter steckt, haben wir einen Experten gefragt: Den Leiter des Instituts für Naturschutz Steiermark: Professor Dr. Johannes Gepp.
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KlimaFit: Herr Professor Gepp, wie kann man den Begriff „Neobiota“ einfach erklären?
Gepp: Neobiota sind fremdländische Tier- oder Pflanzenarten (Neozoen und Neophyten), die sich in unserer freien Natur von selbst ausbreiten. Sie wurden vom Menschen von fernen Ländern eingeschleppt oder wandern von Nachbarländern kommend selbsttätig ein.

KlimaFit: Woher kommen denn die bekanntesten Neophyten eigentlich?
Gepp: Die Kanadische Goldrute, das Indische Springkraut oder der Japanische Knöterich wurden in den letzten Jahrzehnten aus fernen Kontinenten als Zierpflanzen für Gärten importiert und breiten sich nun zunehmend von selbst in der freien Natur aus. In Österreich gibt es mehr als 1100 Neophyten-Arten!
Das Indische Springkraut findet man heute an zahlreichen Bach- und Flussufern der Steiermark, wo es vielerorts die heimische Vegetation verdrängt. Eigentlich ist die Einschleppung keine Folge des Klimawandels. In gewisser Weise gibt es aber doch einen Zusammenhang zum Klima: In den letzten Jahren gab es mehrere starke Stürme in Österreich, z.B. Sturm „Paula“, der im Jahr 2008 viele Wälder geworfen hat. Manche plötzlich baumfrei gewordenen Flächen werden rasant vom Springkraut besiedelt, bevor dort wieder Wald aufkommen kann.

KlimaFit: Gibt es Arten, die im Zuge des Klimawandels von selbst zu uns in die Steiermark kommen?
Gepp: Es gibt Wärme liebende Arten, die schon bisher grenznah in Nachbarländern vorgekommen sind. Sie wandern mit den steigenden durchschnittlichen Temperaturen Kilometer für Kilometer in Richtung Norden. Ein auffallendes Beispiel ist die harmlose, aber interessante Gottesanbeterin – ein bis zu 10 cm großes Insekt, das in der Ost- und Weststeiermark bereits weit verbreitet ist und das vor allem in warmen und trockenen Sommern häufiger auftritt.

KlimaFit: Gab es schon früher Verbreitungsschwankungen Wärme liebender Arten?
Gepp: Durch den Klimawandel kommen nun auch einige Tierarten wieder, die schon früher einmal in kurzen Wärmephasen einwanderten. Ein über Jahrzehnte dauerndes „Hin und Her“ gibt es z. B. beim Osterluzeifalter. Bis vor 50 Jahren kam der Schmetterling an besonnten waldfreien Stellen östlich von Graz und um Leibnitz vor. Durch kühlere Aufforstungen starb er dort aus. Zurzeit wandert er von Süden kommend über die Auwälder der Mur wiederum in die Steiermark ein. Diese Ausbreitungen und Rückzüge dauern Jahrzehnte!

KlimaFit: Gibt es auch giftige Tierarten, die in Zukunft von Süden einwandern könnten?
Gepp: Wir Österreicher können froh sein, dass wir absehbar davon kaum betroffen sind. Die bis Österreich vordringenden Skorpionsarten gelten als harmlos.
Südlich von Österreich (z. B. in Istrien) lebt die Schwarze Witwe, eine gefährliche Gift-Spinne. Sie wird mit steigenden Temperaturen weiter nach Norden wandern. Doch noch wurde bei uns kein Vorkommen entdeckt.
Etwas häufiger als früher wird bei uns die Dornfingerspinne beobachtet, eine schmerzhaft beißende Spinne, die aber schon bisher bei uns verbreitet war und möglicherweise durch warme Sommer häufiger wurde. Trotz ihres schmerzhaften Bisses ist sie aber nicht als akut gefährlich einzustufen.

KlimaFit: Sind durch den Klimawandel in Österreich neue, von Tieren übertragene Krankheiten zu erwarten?
Gepp: Auch hier kann man vorerst eher beruhigt bleiben. Die meisten wirklich gefährlichen Krankheitsüberträger, wie Anopheles-Mücken, die die Malaria übertragen können, benötigen für den Krankheitszyklus weit größere Temperatursprünge als wir sie befürchten.
Trotzdem muss die Forschung und die Medizin mit Einschleppungsmöglichkeiten für „Aliens“ über Fernverkehr und Tourismus rechnen. Stellenweise in Mitteleuropa bereits vorkommende Sandmücken könnten in Zukunft die Leishmaniose (Orientbeule) übertragen. Außerdem wissen wir von der Vogelgrippe, dass die Erreger durch Zugvögel über viele tausend Kilometer übertragen werden.

KlimaFit: Können tierische „Aliens“ der Landwirtschaft schaden?
Gepp: Leider ja! Unsere größten Landwirtschaftsschädlinge zählen dazu! Manche davon wurden schon vor mehr als 100 Jahren eingeschleppt wie die Reblaus 1869. 1951 folgte der Kartoffelkäfer und 1989 wurde die Rosskastanien-Miniermotte eingeschleppt oder die Platanen-Netzwanze. Diese Schädlinge fremdländischer Baumarten bemerkt man in allen größeren Städten durch die gefleckten, befallenen Blätter. Neu ist der Maiswurzelbohrer, ein kleiner Käfer, der sich seit 2002 vom Südosten Österreichs ausgehend ausbreitet.

KlimaFit: Kann man angesichts der prognostizierten Erwärmung überhaupt etwas gegen Neophyten tun?
Gepp: Eine mühsame und langfristige Tätigkeit! In anderen Staaten gibt es dazu schon seit langem Bekämpfungstrupps, die die halbwüchsigen Neophyten im Frühsommer ausreißen. Auch wir werden uns diesbezüglich Maßnahmen überlegen müssen. An vielen steirischen Bächen haben Springkräuter, Goldruten und Knöterich die heimische Ufervegetation zurückgedrängt, die bisher bei Hochwässern die Ufer gefestigt und Hangrutschungen vermieden haben. „Aliens“ sind dazu nicht in der Lage. Deshalb versuchen engagierte Menschen jedes Jahr die „Aliens“ an solchen Stellen zur richtigen Zeit zu entfernen. Dadurch kann die heimische Natur langsam – Meter für Meter wieder vordringen und die Uferböschungen sichern.

KlimaFit: Welche Entwicklung prognostizieren Sie als Naturschützer bezüglich Neophyten?
Gepp: Die Neophyten werden eine immer größere Störung unserer Ökosysteme bringen und sich in einer immer wärmeren Steiermark weiter ausbreiten. Wir müssen einerseits unbeabsichtigte Einschleppungen verhindern, andererseits überdimensionale Massenvermehrungen eindämmen. Die Steiermärkische Berg- und Naturwacht bekämpft schon jetzt vor allem die Ausbreitung des Indischen Springkrautes an unseren Fließgewässern. Den zunehmenden Schaden einzudämmen, wird langfristig beachtliche Kosten verursachen.

Danke für das Interview!
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Das Interview als PDF findet ihr rechts bei den Downloads. Rechts oben gibt´s ein Video über "Neobiota" und zwei wissenschaftliche Radiobeiträge zum Thema.
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Mehr über Neobiota bei den Naturscouts Steiermark